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Unsere Autoren sind in der Regel Mitglieder der Schweinfurter Gmoi und vertreten -ähnlich wie in Leserbriefen üblich- ihre persönliche Meinung!

Die Beiträge entstammen zum Teil unserem Gmoibladl und sind nach den Verfassernamen alphabetisch angeordnet:

Eisenkolb, Karl

Görg, Anton

Kapitz, Edwin

Kugler, Ferdl

Elfriede Willert





Die Reihe wird fortgesetzt!








Karl Eisenkolb

Im Juni dieses Jahres sollte im heutigen Vysoka (ehemals Maiersgrün) ein Kirchfest mit Gedenken an den Kirchenpatron (Laurentius), Messe und eine Taufe stattfinden. Die Taufe platzte allerdings an diesem Festtag, obwohl die kirchenrechtlichen Schwierigkeiten bereits im Vorfeld hätten geklärt werden können.

Seit Jahrzehnten bemühen sich vertriebene  Landsleute vergeblich u.a. auch über die Hintertür Kirche wieder Fuß zu fassen. Die Landeskirche allerdings will keine Emigranten, Odsulanten etc. in ihrem Bereich, vor allem keine mitbestimmenden. Sie will ihre eigenen Leute aktivieren. Willkommen von Seiten der Deutschen ist allein Aufbauhilfe und vor allem der finanzielle Beitrag. Ein Gleiches läuft auf dem Gebiet der Politik, der Ökonomie, des Tourismus, des Kulturaustausches.

Gefragt ist nicht Partizipation,  nicht Compassion, sondern allein In-strumentalität. Die Tschechen wollen noch immer allein sein, auch in ihrer Kirche. Wir sollten das verstehen und akzeptieren. Kirche und Europa bleibt noch immer auch nationales Territorium.

Quelle: Schweinfurter Gmoi-Bladl 3-2004



Anton Görg


Was ich dort gelebt, genossen,

Was mir all dorther entsprossen,

Welche Freude, welche Kenntnis,

Wär ein allzulang Geständnis!

Mög es jeden so erfreuen,

Die Erfahrenen, die Neuen!

 
 

Diese Verse leiten Goethes geologisch-mineralogischen Aufsatz "Zur Kenntnis der böhmischen Gebirge", der 1817 erschien, ein.

Diese Arbeit war die Summe der mehr als 30jährigen Beziehung des

Dichters zum Egerland.

Am  4. Juli 1785 betrat Goethe erstmals das Egerland. Der Geheime Rat war damals schon besonders durch seinen "Werther" europaweit berühmt. 1782 - also 3 Jahre vorher - wurde er durch Kaiser Joseph II. geadelt.

Von Weimar war es nicht allzuweit nach Karlsbad, wo er seine siebenwöchige Kur offensichtlich sehr genoß.  Zudem hatte diese Kur auch hervorragenden gesundheitlichen Erfolg. 

Wie der elegante, umschwärmte Kavalier seine Zeit verbrachte, darüber geben Tagebuchaufzeichnungen Aufschluß.  Bezopft und in Kniehosen steckten in seinen Taschen viele unvollendete Manuskripte, die später Weltgeltung erlangten.

Das Jahr darauf 1786 brach er nach sechswöchiger Kur in Karlsbad von hier - ziemlich unbemerkt - nach Italien auf.

Das Egerland war in den bewegten und kriegerischen Zeiten um die Wende vom 18. zum 19.  Jahrhundert eine stille Insel, in den egerländer Badeorten traf sich die europäische Gesellschaft.  Auf diesem Boden wurden persönliche und politische Freundschaften geknüpft.
Oft entschieden diese Beziehungen den Lauf der Geschichte.  

In den egerländer Bädern fand Goethe an der Seite des Herzogs und

späteren Großherzogs Carl August von Sachsen - Weimar Zugang zu

allen Kreisen, 1810 begrüßte er hier beispielsweise die junge Kaiserin Maria Ludowika in Versen. Er wurde ihr Vorleser und Literaturprofessor. Zudem verfaßte er Theaterstücke und führte diese hier auf. Der Dichter pflegte auch Umgang mit gelehrten Geistlichen vom Kloster Tepl.

Am Vorabend der Erhebung gegen Napoleon trafen sich die Häupter der Befreiungsbewegung im egerländer Bäderraum, Auch mit diesen Fürsten pflegte Goethe ab und zu Kontakt. Kurz vor seinem 64. Geburtstag verließ Goethe das Hauptquartier der Verbündeten.

Kaiser Franz I. von Österreich, Zar Alexander von Rußland und König Friedrich Wilhelm III. von Preußen berieten mit Fürst Metternich, mit Nesselrade und Hardenberg den Bündnisvertrag. Wahrscheinlich hat auch Goethe auf die Heilige Allianz etwas Einfluß genommen. Bettina Brentano, damals bereits mit Achim von Arnim verlobt, hat jene Begegnungen geschildert.

Als Ende August 1819 Goethe nach Karlsbad kam, wurden gerade unter Metternichs Vorsitz die berühmten Karlsbader Beschlüsse verfaßt. Sie waren eine scharfe Reaktion auf den freiheitlichen Aufschwung der jungen Generation in Deutschland. Goethe hatte knapp vorher seinen 70. Geburtstag im Reisewagen ins Egerland verbracht.

Im folgenden Jahr besuchte er das erste Mal den jungen Kurort Marienbad.

In Eger lernte er den Magistratsrat Joseph Sebastian Grüner kennen. Bei ihm blieb er 4 Wochen zu Gast.

In Franzensbad lobte er das Tafelwasser als köstlichen Säuerling.  Sehr oft bestellte er das Franzensbader Heilwasser zu Trinkkuren nach Weimar.

Der egerländer Kammerbühl stand im Mittelpunkt seines geologischen Interesses.

Goethe befaßte sich außerdem mit der Geschichte von Land und Leuten, Er nannte die Egerländer ein "wackeres aufgeschlossenes Völkchen", das trotz der vielen Fremden in seinen berühmten Badeorten an seinem alten Brauchtum festhielt.

Karlsbad war der älteste schon sehr bekannte Kurort im Egerland, Marienbad und Franzensbad entstanden vor Goethes Augen. Er nahm an der Entwicklung der jungen Badeorte lebhaft Anteil.

Die letzten Aufenthalte in Egerland verbrachte Goethe mit Vorliebe in Marienbad. 1820 schrieb er: "Nicht leicht habe ich etwas Erfreulicheres gesehen. Das Ganze sieht aus, als hätte Dido soeben ihre Riemen um den Raum geschlagen. Und nun geht das Bauen los.  Seit drei Jahren ist es so richtig ernst, in den nächsten dreien wird man Wunder sehen.“

Goethes Beschäftigung mit dem Egerland war intensiv. Die persönlichen Bindungen in diesem Raum waren vielfältig. Seine großen Dichtungen entstanden in den Jahren seiner Aufenthalte in den egerländer Bädern.

1823 kam seine Exzellenz Ende Juni nach Marienbad. Schon in den beiden vergangenen Jahren war er gerne in der Gesellschaft der jungen Prau von Lewetzow und ihrer Töchter. Jetzt sah er die 19-jährige Ulrike täglich. Als deren Mutter Goethes leidenschaftlichem Werben um die Tochter auswich und nach Karlsbad ging, reiste Goethe nach. Der Großherzog von Weimar warb für seinen Freund Goethe förmlich um die Hand Ulrikes. Die Mutter lehnte ab. Ulrike ging bis zu ihrem Tode keine Beziehung mehr ein.

Noch vor der Ablehnung durch die Mutter feierte Goethe mit den Lewetzows in Elbogen seinen 74. Geburtstag am 28. August. Am 5. September - also 8 Tage später reiste Goethe überstürzt ab. Im rollenden Reisewagen schrieb er die Marienbader Elegie nieder. Dieses geniale Gedicht hat dem Namen Marienbad den Glanz der Unsterblichkeit verliehen. In diesem hellen Lichte bleibt das Egerland für immer mit den reichsten Stunden des deutschen Geistesleben verbunden. Das leidenschaftlich-dramatische Ereignis mit Ulrike von Lewetzow beendete die Aufenthalte des Dichterfürsten Goethe in den Bädern des Egerlandes.



K =- Karlsbad

M = Marienbad

F = Franzensbad

 
Die Aufenthalte Goethes in den 3 egerländer Badeorten:

1785    K   4. Juli - 17. August

1786    K   27. Juli - 3. Sept.

1795    K   4. Juli - 8. August

18o6    K   30 Juni - 7. August

1807    K   27. Mai - 8. Sept.

1808    K/F   14. Mai - 12. Sept.

1810    K   18. Mai - 16. Sept.

1811    F/K   14- Mai - 3o. Juni

1812    K   1. Mai - 13. Sept.

1818    K   25. Juli - 14. Sept.

1819    K   27. August - 27. Sept.

1820    M/K   26. April - 29. Mai

1821    M/F   27. Juli - 13. Sept.

1822    M   18. Juni - 26. August

1823    K/M   29. Juni - 11. Sept.

1810 und 1812 und 1813 Aufenthalte in Teplitz (Badeort)

Kaiser, Könige, Diplomaten, Millionäre berühmte Künstler verlebten den Sommer in Karlsbad und später auch in Marienbad und Franzensbad. Goethe - als größter deutscher Dichter und zugleich Staatsminister, gehörte bevorzugt zu diesen Kreisen.

Goethe unternahm 17 Reisen in sein "liebes Böhmen".Insgesamt über drei Jahre verbrachte er im Egerland zwischen seinem 36. und 74. Lebensjahr.                                                         

 Quelle: Schweinfurter Gmoi-Bladl 4-2004 bis 2-2005 in drei Folgen





Edwin Kapitz, Schreiwa unserer Patengmoi Hammelburg


Zuerst war das Land

 

Vor langer Zeit, etwa vor 300 Millionen Jahren, als Europa, Afrika und Amerika noch eine gemeinsame Kontinentalmasse bildeten, erhob sich ein mächtiger Gebirgszug von Westen nach Osten quer durch ganz Europa; das variszische oder herzynische Gebirge.

 

Im Laufe der Jahrmillionen wurde der größte Teil dieses Gebirges abgetragen oder es sank infolge tektonischer Einflüsse ein. Als Rümpfe blieben bis heute das französische Zentralmassiv, die Vogesen, der Schwarzwald und die Böhmische Masse erhalten.

 

Über lange Zeiträume überfluteten Meere den mitteleuropäischen Raum. Nur die vorgenannten Gebirge ragten aus den Wassern hervor. Sie weisen deshalb keine Ablagerungen aus dem Meere auf, wie die Kalkgebirge der Alpen und des Jura oder der Norddeutschen Tiefebene. Deshalb nannte man diese Gebirge früher Urgebirge.

 

Wie alle anderen Teile Mitteleuropas unterlag auch das Böhmische Massiv mit der riesigen Ausdehnung von der Naab im Westen bis tief nach Osten ins Mährische Land, von der Donau im Süden bis nach Sachsen und Schlesien im Norden, im Laufe der Erdgeschichte ständigen Veränderungen. Im Zuge der Zeit bildete sich das uns bekannte Bild unserer Heimatlandschaft.

 

Nach und nach bildeten sich durch Verformungen der Oberfläche, durch aus der Tiefe vordringende, flüssige Erdmassen, Höhenzüge und Berge.

 

Durch Eruption und Verschiebungen der Erdschollen bildeten sich Senken und Abgründe. Die Mulden und Täler füllten sich mit Wasser und den von den Höhen abgetragenen Boden.

 

Langsam, allmählich hielt der Wald Einzug und bedeckte schließlich einen Großteil unserer Heimat für einen unendlich langen Zeitraum. Das uns von altersher bekannte „herzynische Waldgebirge“ hatte seine Formen angenommen und ragte nun trotzig und menschenverachtend als das Herzland Europas empor.

 

Die hohen bewaldeten Randgebirge trennten das Böhmische Massiv von den angrenzenden Landschaften und gestaltete sich als schwer zugänglich. Im Südosten trennte der Böhmerwald mit den gleichlaufenden Höhenzügen des Bayerischen Waldes als eine Bergwaldzone, Böhmen von den Landschaften am Oberlauf der Donau. Das Fichtelgebirge und das anschließende Elster- und Erzgebirge schirmen das Land nach Westen ab und bilden den Nordwestwall der  „Böhmischen Festung“. Die Kämme des Lausitzer-, des Iser- und des Riesengebirges verwehren von Norden her den Einblick. Das Gesenke- und das Adlergebirge trennen das Land gegen Osten hin ab. Im Landesinneren bilden die sanften Hügel der Mährischen Höhe die natürliche Grenze der beiden Landesteile Böhmen und Mähren.

 

Alle Wasser unserer Heimat, bis auf ganz wenige Ausnahmen, der Gablonzer Neiße und Teile der Wasser aus dem Bezirk Asch, fließen der Mitte des Landes zu, vereinen sich zum Hauptstrom, der Elbe. Mit ihm verlassen sie dann, als er im Engtal das Elbsandsteingebirge durchbricht das Land.

So stimmt es also: „Alle Wasser Böhmens fließen nach Deutschland!“

 

Dieser und weitere Gewässerdurchbrüche, Talfurchen oder auch einige wenige Saumpfade bildeten Tore zu dem, durch undurchdringliche Waldgebirge geschützten, fruchtbaren Landesinneren.

 

Der Böhmische Kessel, seine zentrale, geschützte Lage im Herzen Europas, wurde zum Kreuzungspunkt der damals wichtigsten Verbindungswege. Wer von Norden in den Süden wollte oder vom Westen in den Osten reiste, durchquerte das Land an Moldau und Elbe. Diese zentrale Lage war es auch, die die „Zitadelle Mitteleuropas“ immer wieder in das Machtgedenken der Herrscher zwang.

Den exponierten westlichen Teil des Böhmischen Massivs bildet das von hohen Waldgebirgen und dicht bewaldeten Höhenzügen durch die Natur geschützte Egerland.

 

Unsere Heimat - ein Garten Gottes.

 

Aber weder die unwirtlichen Waldgebirge mit ihren breiten, lange Zeit undurchdringlichen und auch späterhin schwer zu durchdringenden Waldgürtel, noch die Strapazen einer möglichen Durchquerung oder die Überschreitung dieses natürlichen Walles, hat den Menschen daran hindern können, dorthin ein- und vorzudringen, sich einen Lebensraum zu schaffen, der uns zur Heimat wurde.

 

Das Egerland (1)

 

Die Geschichte des Egerlandes reicht weit in die Vorzeit zurück, ist umfangreich und vielgestaltig. Zu oft steht das von altersher von germanisch-deutschen Stämmen besiedelte Land im Mittelpunkt macht- politischer Interessen, wird es zum Spielball der Mächtigen. Das Land an der Eger ist bis zu seiner Verpfändung als Teil des Bayerischen Nordgaues deutsches Land gewesen.

 

Erste Menschenspuren lassen sich im Egerer Becken schon um das Jahr 3000 vor der Zeitrechnung nachweisen. Den Illyrern und Kelten folgten die germanischen Stämme der Hermunduren, der Vandalen und Markomannen. Der Fluß, der dem Land den Namen gab, trug die Bezeichnung Agara - Agire - Egire - Eger. Um Christi Geburt finden sich die ersten Anzeichen einer Besiedlung an der Eger. Von der Zeit der germanisch-frühdeutschen Besiedlung an bis 1945 war das Egerland deutsch.

 

Lange vor der Jahrtausendwende war das Egerer Becken Vorfeld der „Mark auf dem bayerischen Nordgau“, dem es im Jahre 1004 tatsächlich angegliedert wurde.

 

Das große, historische Egerland bildet in dieser Zeit einen landschaftlich, geschichtlich, siedlungsgeschichtlich und kulturgeographisch einheitlichen Gebietsverband, der neben dem engeren Egerland um die alte Reichs- und Stauferstadt Eger auch das Ascher Ländchen, das Obere Vogtland, das Schönbacher Ländchen, das Stiftsland Waldsassen und das Sechsämterland umfasste.

Im Jahre 973 gerät das Egerland in den kirchenpolitischen Interessen-bereich. In diesem Jahre erfolgt die Loslösung und Abtrennung des Prager Bistums von der Regensburger Diözese. Neue Grenzen des Kirchen-verwaltungsbereichs wurden festgelegt. Der Oberegerische Gebietsverband verblieb bezeichnenderweise bei der Regensburger Kirchenprovinz.

 

Im 12. Jahrhundert steht es unter der Verwaltung der nordgauischen Markgrafen. Mit der Anlage von einer Reihe von Burgen, deren älteste die Egerer Burg ist, wird das Land gesichert. Ab 1130 erlangt das Kloster Waldsassen große Bedeutung in besiedlungsgeschichtlicher Hinsicht. In zunehmenden Maße beeinflußt die Kirche das von überwiegend fränkisch-bayrischen Siedlern nach Osten und Südosten erweiterte Rodungs- und Siedlungswerk, das zusätzlich die Unterstützung der Staufenkaiser erfuhr. Das Patronatsrecht über die Kirche im Egerland hatte zunächst der deutsche Kaiser, der es später dem Deutschen Ritterorden übertrug. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein bestand die kirchliche Bindung an Regensburg.

 

1061 wird Eger erstmals genannt und 1146 von Kaiser Friedrich I (Rotbart) zur Kaiserpfalz erhoben. Es erhält Nürnberger Stadtrecht und wird 1250 freie Reichsstadt. In Urkunden wird das Egerland zum ersten Mal als Regio Egere (1135) genannt. 1182 wird es als Pagus Egire, später Provincia Egrensis bezeichnet; 1261 wird es zum Egerlandt.

 

Nach dem Tode Diepolds III (1146) erfolgt die Abtrennung von der südlichen Mark. Das Egerland wird reichsunmittelbares Land - terra imperii.

 

Fortan erblüht das Land, wird Angel- und Ausgangspunkt staufischer Reichspolitik. Das Reichsland Eger stellte in seiner geordneten, straffen Organisation die vollendete Form der Reichsländer dar. Im 12. und 13. Jahrhundert fanden Hof- und Reichsfürstentage in Eger statt. Dem Land an der Eger war eine wichtige militärische, siedlungspolitische Aufgabe durch die Staufer zugeteilt worden.

 

Nach dem Untergang der Staufer wechselte das reichsfreie Egerland mehrmals den Besitzer. Seit 1266 vorübergehend bei der böhmischen Krone wird es 1276 wieder Reichsland. 1291 versucht es der Böhmenkönig Wenzel II erneut, muß aber im Nürnberger Vergleich vom 18. August 1305 Stadt und Land Eger an den deutschen König Albrecht zurückgeben.

 

1315 verspricht Ludwig der Bayer dem Böhmenkönig Johann 20.000 Silbermark und als Pfand Stadt und Land Eger, wenn er durch dessen Mithilfe deutscher König und Kaiser wird. 1322, nach dem Siege bei Mühldorf, wird die Verpfändung vollzogen

 

Stadt und Land Eger wird persönliches Pfand des Königs von Böhmen, der dem Egerland mittels einer staatsrechtlichen Verfassungsurkunde eine Sonderstellung im böhmischen Lande zusicherte. Das Egerland unterstand nur dem König und war nie Bestandteil Böhmens im staatsrechtlichen Sinne.

 

Immer wieder kam es zu Streitigkeiten um das Reichsland. Sie endeten erst als Karl von Mähren die deutsche Kaiserkrone erhielt und er nach dem Tode des Böhmenkönigs Johann auch König von Böhmen wurde. Reichsrecht und Pfandrecht bezüglich des Egerlandes waren nun in einer Hand. Das Land Eger verblieb seither bei Böhmen.

Es war freilich nicht mehr das Egerland in seinem ursprünglichen Umfange, das 1322 verpfändet wurde. Die bayerischen Herzöge, die Nürnberger Burggrafen und die Vögte von Plauen-Gera-Weida sowie die fränkischen Zollern hatten Ansprüche in die Tat umgesetzt und weite Gebiete ihren Machtbereichen zugeordnet. Das Egerland war flächenmäßig auf ein knappes Drittel des ursprünglichen Umfanges zusammengeschrumpft; fast auf die Größe des engeren Egerlandes. Als in Folge der Aufteilung der böhmischen Lehen ab Mitte des 17. Jahrhunderts diese an die Oberpfalz fielen, verblieb bei Böhmen nur das frühere engere Egerland.

Die Habsburger, deren Kronland Böhmen war, nutzten jede Gelegenheit zur Vergrößerung ihres Machtbereiches und Festigung der von ihnen geforderten Grenzen. Obgleich im Westfälischen Frieden das Egerland als „nicht zum Königreich Böhmen gehörig“ bezeichnet wurde, setzte sich Habsburg über die verbrieften Rechte und Freiheiten hinweg. Mit der Regierungszeit Maria Theresias hörten alle Sonderrechte auf. Das Los des Reichslandes Egerland war besiegelt. Habsburg betrachtete es nicht mehr als Pfand der böhmischen Krone, sondern behandelte es als Teil Böhmens. Das letzte Band, das noch bis ins 19. Jahrhundert das ehemalige Reichsland mit dem Reich, mit Bayern zusammenhielt, fiel 1808 mit der Loslösung des Egerlandes vom Bistum Regensburg und der Zuordnung zur Diözese Prag.

 

Das historische Egerland und späterhin das von Waldbergen und dichtbewaldeten Höhenzügen umschlossene Land um Eger  -das engere Egerland- beeinflußte in hohem Maße die Siedlungsgeschichte der angrenzenden Landschaften im Nordosten, Osten und Südosten bis hin zur späteren Sprachengrenze.

 

Weltliche und kirchliche Würdenträger umsorgten, unterstützten und förderten den Landesausbau dieser Landstriche ebenso wie die Menschen des Egerlandes, die auszogen um erneut im Kampf mit der Natur neues Heimatland zu gewinnen. Die Klöster, insbesondere das Zisterzienser-Kloster Waldsassen (1134) und das 1193 von den Prämostratensern gegründete Stift Templ haben in unserer engeren Heimat besonders förderlich gewirkt. Aber auch das 1108 gegründete Kloster Kladrau strahlte segensreich tief in das neue Siedlungsland unserer Vorväter hinein.

 

Zu den aus dem Egerland stammenden Siedlern kamen Bauern, Handwerker und Bergleute aus den angrenzenden deutschen Gauen ins Land und gemeinsam mit den im Lande lebenden Menschen rodeten sie die Landstriche, auch des Planer Ländchens, und schufen sich in harter Arbeit eine Heimat. Mit ihnen kam der christliche Glaube und das deutsche Recht ins Land, Arbeit und Wohlstand.

 

 

Das Egerland (2)

 

Das Egerland, einst von deutschen Menschen besiedelt, urbar gemacht und zum Leben erweckt, war ein Land mit einem vielschichtigen Landschafts-charakter. Fruchtbares Ackerland wechselte mit feuchten, grünen Niederungen, mit wildreichen und unermesslichen Holzbestand ausgestat-teten immergrünen Wäldern ab. Erzfündige Gruben und reiche Abbauge-biete für Kohle, Ton- und Kaolinerde brachten den schwerarbeitenden Menschen Erwerb und angemessenen Wohlstand.

 

Heilbringende Moore und eine Vielzahl die Gesundheit fördernde Mineralquellen boten vielen Menschen Brot und Lohn.

 

Weltbekannt wurde das Egerland durch die drei Kur- und Badeorte Karlsbad (1358), Franzensbad (1703) und Marienbad (1865), deren Quellen außerordentliche Heilkraft spendeten.

 

Dank der geographischen Lage, der geologischen Beschaffenheit und des unermüdlichen Schaffensdranges der Menschen, wurde das Egerland frühzeitig zu einem aufwärtsstrebenden industrialisierten Land mit einer Vielzahl moderner Industrieanlagen und Fertigungsstätten, deren Weltruf unbestritten ist. Verkehrstechnisch günstig gelegen, mit gut ausgebautem Straßen- und Wegenetz, Knotenpunkt dreier wichtiger Eisenbahnlinien, stellte es ohne Zweifel eine Drehscheibe in vielerlei Hinsicht dar.

Es grenzte sich weniger durch politische Grenzen von seinen Nachbarn ab, sondern eher durch Linien, die kulturell durch die Mundart und durch das Brauchtum der Egerländer gekennzeichnet sind. Das stammlich-mundartliche Egerland erstreckt sich in Westböhmen vom Fichtel-, Elster- und Erzgebirge bis zum Böhmerwald. Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen des Sprach- und Mundartforschers Prof. Dr. Ernst Schwarz (Sudetendeutscher Atlas) reicht es von Graslitz über Neuhammer, Oberbrand, St. Joachimstal, Hauenstein an der Eger, Duppau, Waltsch, entlang der baierisch-fränkischen Mundartgrenze über Scheles, Überbergen und Wascherau und von hier an der deutsch-tschechischen Sprachengrenze entlang der Bezirke Pilsen, Mies, Bischofteinitz und Taus bis nach Deschenitz bei Neuern und weiter zur bayerischen Landesgrenze.

 

Dieses Egerland umfaßt die politischen Bezirke Asch, Bischofteinitz, Eger, Elbogen, Falkenau, Graslitz, Karlsbad, Luditz, Marienbad, Mies, Neudeck, Plan, Tachau und Tepl. Hinzu kommen die Egerlandgemeinden in den politischen Bezirken St. Joachimstal und Kaaden sowie an der Sprachgrenze Manetin, Pilsen und Taus. Insgesamt waren dies 857 politische Gemeinden mit 8.638 Quadratkilometern Fläche und 651.800 Menschen.

 

Die Hauptflüsse waren im nördlichen Teil die Eger, die unserer Heimat den Namen gab und im südlichen Teil die Miesa, die die meisten fließenden Gewässer aufnimmt und der späteren Beraun zuführt.

 

Seiner Höhenlage entsprechend herrscht im Egerland ein zwar raues, aber gesundes Klima. Der Winter war schneereich und dauerte oft lange. Das Erwachen der Natur im Frühjahr war von plötzlicher sanfter Gewalt und von kurzer Dauer. Die Sommer waren heiß und gewitterträchtig. Der Herbst war schön und trocken.

 

Die Kriegsfurie und andere Landplagen verwüsteten immer wieder weite Teile des Landes, forderten hohe Opfer unter der Bevölkerung. Immer wieder wurde neu aufgebaut, Anschluß an den wirtschaftlichen Aufschwung gesucht und gefunden. Immer wieder erblühte der „Garten Gottes“ aufs Neue. Die hart arbeitenden, mit dem Heimatboden fest verwurzelten Menschen, verkörperten auch nach außen hin deutlich spürbar deutschen Fleiß und Tatkraft. Als in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Tschechen zum ersten Mal die Forderung einer staatsrechtlichen Sonderstellung Böhmens innerhalb des Habsburger Reiches erhoben, ruft ihr politischer Kopf Palacký, die Sonderstellung dieses Völkchens erkennend, seinen Landsleuten zu: „Beim Egerland, meine Herren, müssen Sie Halt machen! Wenn Sie wollen, daß Ihre Rechte respektiert werden, so müssen Sie auch die Rechte der Egerländer respektieren!“

 

Die Machthaber von 1918 aber haben sie von Anfang an nicht anerkannt.

 

Das Königreich Böhmen, zu dem das Egerland, obgleich freies Reichsland, gehörte, war zu Beginn des 17. Jahrhunderts in 15 Kreise eingeteilt:

 

Elbogen, Saaz, Pilsen, Prachatitz, Leitmeritz, Schlan, Rakonitz, Beraun, Bunzlau, Kuttenberg, Moldae, Budweis, Chrudium, Czaslau und Königsgrätz.

Diese Gebiets- und Verwaltungseinteilung blieb mit zwischenzeitlich kleinen Veränderungen bis in das Jahr 1850 erhalten. In diesem Jahr wurden allen Querelen zum Trotz ein Kreis Eger geschaffen.

 

Daran änderte im allgemeinen auch die Dezemberverfassung von 1867 nichts. Auch nach der Landnahme durch die Tschechen und durch die Ausrufung der Republik am 28. Oktober 1918 blieb in dieser Hinsicht „alles beim Alten“. Die geplante Verwaltungsreform vom 29. Februar 1920 wurde nie in die Tat umgesetzt. Erst mit der Verwaltungsreform im Jahre 1927 wurde die politische Verwaltung im gesamten Staatsgebiet erneuert . Die CSR untergliederte sich demnach in vier Länder: Böhmen, Mähren-Schlesien, Slowakei, und Karpatho-Rußland. Als Untergliederung  wurden Bezirke geschaffen.

 

Der Verwaltungsbezirk Eger umfaßte 19 Bezirke, die von 10 Bezirkshauptmannschaften verwaltet wurden: Eger, Asch, Falkenau, Graslitz, St. Joachimstal, Karlsbad, Luditz, Plan, Tachau, und Tepl; fast das ganze Egerland.

 

Durch die politischen Entwicklungen im Herbst 1938 zeichnete sich das Ende des bisherigen Verwaltungssystems ab. Am 21. September 1938 hatte die Regierung der Tschechoslowakei  den Vorschlag der britischen und französischen Regierung zur Lostrennung der sudetendeutschen Gebiete angenommen. Im Münchner Abkommen vom 29. September 1938 wurde dieser tschechoslowakische Wille zur Abtretung des Sudetenlandes an das Deutsche Reich international festgelegt. Die sudetendeutschen Gebiete wurden als Sudetengau in den Reichsverband aufgenommen. Nur wenige Gemeinden oder Bezirke wurden anderen Reichsgauen zugeordnet.

 

Der Sudetengau wurde in 3 Regierungsbezirke eingeteilt: Eger, Aussig und Troppau. Reichenberg wurde Gauhauptstadt. Durch die Schaffung des Regierungsbezirkes Eger wurde die politische Verwaltungsverantwortung über die bisherigen 19 Bezirke des Verwaltungsbezirkes Eger und auch über den durch Kultur, Mundart und Brauchtum begrenzten Raum hinaus erweitert durch die Zuordnung der Landstriche nordostwärts des Karlsbader Beckens bis zum Hirtstein (889 m) im mittleren Erzgebirge, des Kaadener Ländchens, der Saazer Ebene und den deutschen Landesteilen entlang der Sprachgrenze bei Bischofteinitz - Ronsperg.

 

Das Egerland (3)

 

Der Regierungsbezirk Eger umfaßte demnach die Stadtkreise Eger mit 35.507 Einwohnern auf 24,41 Quadratkilometern Fläche und Karlsbad mit 53.311 Einwohnern auf 46,12 Quadratkilometern Fläche sowie die Landkreise:

 

                Asch                                     mit          44.690 Einwohnern              auf          141,83 qkm

                Bischofteinitz                       mit          33.484 Einwohnern              auf          502,72 qkm

                Eger                                       mit          43.270 Einwohnern              auf          430,90 qkm

                Elbogen                                mit          37.393 Einwohnern              auf          207,61 qkm

                Falkenau                               mit          58.559 Einwohnern              auf          291,58 qkm

                Graslitz                                  mit          35.484 Einwohnern              auf          171,65 qkm

                Kaaden                                 mit          50.257 Einwohnern              auf          560,69 qkm

                Karlsbad                               mit          34.068 Einwohnern              auf          196,81 qkm

                Luditz                                    mit          30.157 Einwohnern              auf          617,75 qkm

                Marienbad                            mit          33.692 Einwohnern              auf          329,09 qkm

                Mies                                      mit          68.513 Einwohnern              auf          391,04 qkm

                Neudeck                               mit          36.001 Einwohnern              auf          242,32 qkm

                Podersam                              mit          39.903 Einwohnern              auf          579,51 qkm

                Saaz                                       mit          44.286 Einwohnern              auf          409,45 qkm

                St. Joachimstal                     mit          32.242 Einwohnern              auf          258,60 qkm

                Tachau                                  mit          56.490 Einwohnern              auf          903,20 qkm

                Tepl                                       mit          55.993 Einwohnern              auf          661,51 qkm

 

Generationen deutscher Menschen haben in einem über Tausend Jahre langen, immerwährenden Lebens-, Arbeits- und politischen Abwehrkampf dieses gottbehütete Land urbar gemacht, gegen alle Anfeindungen verteidigt, es zur Heimat der Egerländer gemacht.

 

Bis zur Vertreibung lebten in diesem herrlichen, blühenden Land 803.300 Deutsche auf  7.466,79 Quadratkilometern Fläche, durch Arbeit und unsägliche Mühen geschaffenen und geliebten deutschen Heimatbodens.

 

Ein unerbittliches Schicksal, Haß und politische Verblendung haben zum Verlust der Heimat geführt. Jetzt leben die Überlebenden der Austreibung und deren Nachkommen zerstreut in allen Ländern Deutschlands, vielerorts in Europa und Übersee in der Verbannung.

 

Sie alle warten hoffnungsvoll auf eine Heimkehr in ihr „Gottes eigenes Ländchen“.

Quelle: Gmoi-Bladl unserer Hammelburger Paten-Gmoi



 


Gedicht von Klara Kugler (1902-1983)




Als ich kürzlich alte Unterlagen durchsah, kam mir ein Gedicht meiner Mutter in die Hände.

Es ist vermutlich anfangs der fünfziger Jahre entstanden. Es rührte mich sehr, als ich ihre Verse las, Erinnerungen an die schwere Zeit nach der Vertreibung wurden wieder wach.

Es war damals noch nicht an einen Besuch in der Heimat zu denken, die Grenze war damals für uns noch unüberwindlich.

Ferdl Kugler




Sehnsucht

 

Einmal noch möchte’ ich die Heimat sehn,

einmal nur in meinem Leben.

Einmal die trauten Gässchen geh’n,

einmal noch im Heimatkirchlein beten.

 

Möchte so gerne sehen deine Wiesen,

deine Wälder und das stille Tal,

das die Eger leise tut durchfließen

und die Plätzchen ohne Zahl,

wo ich Kindheit, Jugend hab verbracht,

wo auch schwere Stunden meiner harrten

wo das Mutterglück mir hat gelacht,

wo sich meine Kinder um mich scharten.

 

Seh’n noch einmal, ja, mein kleines Heim

möchte Äpfel pflücken aus dem eignen Garten

möchte zum Friedhof gehen, ganz allein

und am Elterngrab der Antwort warten

auf die Frag’, die täglich wird zur Pein:

 

„Lieber Gott, dort überm Sternenzelt,

Du der alles sieht auf Erden

ohne Deinen Willen nicht ein Blättchen fällt,

sag mir doch,- wird es je anders werden?“

 

Quelle: Schweinfurter Gmoi-Bladl 3-2005





Gedicht von Klara Kugler (1902-1983)

 

Als wir 1946 von Eger vertrieben wurden war das alte Kloster in Eger unser letztes Quartier.
Für meine Mutter hatte das Kloster immer schon eine große Bedeutung. Sie war hier schon als kleines Mädchen im Kindergarten und später in der Schule. Auch meine beiden Schwestern besuchten Kindergarten und Schule.                                   

                                                                                        Ferdl Kugler



Dreimal Kloster

 

Als ich kaum drei Jahre zählte,

zuhause alle Leute quälte,

Nahm mich mein Mutterl, gab mir ein Busserl,

und führte mich zu den Schwestern hinauf,

so begann im Kloster mein Lebenslauf.

 

Und als die ersten drei Jahre vorbei,

mit fröhlichem Spiel und Tändelei,

Da sagte die Mutter „in Gott’s Namen geh !“

Jetzt lernst im Kloster das A B C.

So kam ich wieder ins Kloster hinein

10 Jahre Schule, das war fein.

Ich lernte sehr ernsthaft, doch auch mit viel Spaß

erlebte ich in jeder Klass’.

 

Im Klostergarten, so groß und bunt

verbrachte ich so manche Stund.

Und in der Klosterkapelle beim ewigen Licht,

vernahm ich deutlich, wie Gott zu uns spricht.

Zum ersten mal ging ich da so gern,

im weißen Kleidchen zum Tisch des Herrn.

Hier weihte ich mich der himmlischen Frau,

ich sehe im Geiste noch alles genau.

 

So wechselten ernste und fröhliche Zeit,

die Jahre vergingen, es war soweit

dass ich meine zwei Töchterlein

schickte ins liebe Kloster hinein.

 

Doch dann braust der Kriegssturm von Ort zu Ort,

und als Besiegte mussten wir fort.

Wir sammelten uns zum letzten mal

im Kloster, im Theatersaal.

Drei Tage mussten wir hier warten,

da schlich ich mich leise in  den Garten,

hörte noch einmal die hohe Linde,

heimlich rauschen im Abendwinde.

 

Ich streichelte Blatt für Blatt ganz zart,

wie geht man doch aus der Heimat so hart.

Und doch war’s ein Trost für uns alle hier,

dass das Kloster war unser letztes Quartier.

So nahmen wir Abschied mit stillem Trauern,

von unseren lieben Klostermauern

und sollten wir die Heimat nicht mehr seh’n,

im Herzen drin bleibt sie immer bestehn.


Quelle: Ferdl Kugler











Sag’ mir das Wort, dem so gern ich gelauscht, - lang, lang ist’s her,
lang, lang ist’s her,
Sing mir das Lied, das mit Wonn’ mich berauscht, - lang, lang ist’s her,
lang, lang ist’s her,
Als ich noch ruhte in Mütterleins Arm,                         - lang, lang ist’s her, lang, lang ist’s her,
sicher geborgen so innig und warm, lang, ach gar lang ist es her, ……    

So klingt der Anfang eines irischen Volksliedes und weckt Erinnerungen an meine Kindheit und an meine Heimat, dem kleinen Nest Stanowitz bei Marienbad im Egerland. Das Wort, dem so gern ich gelauscht ist der warme Dialekt der Egerländer und der Klang dieser Sprache, die ich leider nicht mehr kann, da sie mir in  der Mittelschule bei den Egerer Schwestern mit Strafandrohung ausgebügelt wurde. Damals war es zwingend notwendig, ein Hochdeutsch zu sprechen, wenn man gebildet sein wollte. Ein reines Hochdeutsch gibt es aber sowieso nicht, denn immer wird sich die Klangfarbe eines Dialektes oder einige Wortteile einmischen. Das ist auch gut so und für die Kriminalpolizei sehr nützlich.  

Es war genau Sonntag, der 14.04.1939, als die Hebamme  vormittags mit ihrem Fahrrad zum Scherma-Hof in Stanowitz bei Marienbad fuhr und etwas später einem gesunden Mädchen half, das Licht der Welt zu erblicken. Man ließ es auf den Namen Elfriede, Ernestine in der katholischen Kirche in Auschowitz taufen. Eigentlich sollte ich Vera heißen, aber diesen Namen trug zu dieser Zeit ein Pferd meines Vaters Richard. Ein Jahr später im Juni kam das Schwesterchen Gerlinde Johanna zur Welt und drei Jahre später endlich der ersehnte Stammhalter Hermann.  

Stanowitz
ist ein kleines Nest mit 8 Bauernhöfen, sternförmig angeordnet. Es hatte bestimmt seine Vorteile, den Garten, die Felder und Wiesen direkt hinter dem Bauernhof zu haben. Stanowitz gehörte zum Altbesitz des Stiftes Tepl und wurde in der Bestätigungsurkunde des Papstes Gregor X. 1273 erstmals genannt. Mit der Schaffung des Gerichtsbezirks Marienbad kam Stanowitz zu diesem Sprengel. Zu Stanowitz gehörten auch die Hochofenhäuseln und die Baumühle. Um 1921 - 1925 war Michael Köhler - der Vater meinesVaters - Ortsvorsteher. Als Hofname hatte unser Anwesen, Nr. 8, die Bezeichnung “Scherma-Hof” von der Familie Schirmer, die den Hof in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts bewirtschaftete. Die Nr. 9 war der “Koschpa-Hof” (Kaspar-Hof), weil im Kirchsprengel Pistau - wozu es vor Auschowitz gehörte, die Heiligen Drei Könige von den verschiedenen Orten kamen. Von Auschowitz der Melchior, von Stanowitz der Kaspar und von Hammerhäuseln der Balthasar. 

 Die Rundsiedlung, die seit der Gründung kaum gewachsen ist, hatte einen Nussbaum in der Dorfmitte, wo es bestimmt gut sich zu treffen und Neuigkeiten auszutauschen war. ( Dorftratsch der Frauen - die Männer im Gasthaus in  Nr. 2 ). Ein Weiher befand sich eingefügt im Kreis der Bauernhöfe, natürlich zum Löschen eines Brandes. Ich musste 1944 einen Brand aus der Nähe miterleben. Nr. 3 war das Glockerer-Häusl, auf dessen Dach sich ein kleiner Turm befand mit einer Glocke, wohl als Alarm- und Aveglöckchen. Es wurde immer morgens, im Sommer um 5 Uhr, im Winter um 6 Uhr, mittags um 12 Uhr und abends zum Gebet geläutet.

Wir Kinder nutzten den für mich “großen See” zum Rutschen im Winter, wenn er zugefroren war. Nur einmal ist ein Bub eingebrochen und musste gerettet werden, weil er noch rutschte, als das Eis schon zu angeschmolzen war. Daneben war unser Hof, der Scherma- Hof. So kam es, dass alle zu mir “Scherma-Frieda” sagten. Ich hatte dicke, dunkelbraune Zöpfe und ebenso dunkle, große Rehaugen und  muss wohl damals sehr neugierig und neugescheit gewesen sein, weil meine Mutter mich öfter fragte, ob das Kücken gescheiter sein will, als die “Hehna”. Aber jeder mochte mich irgendwie, das “Friederl” - liebevoll gesagt. Und ganz besonders war mein Papa stolz auf  mich. Neben unserem Gehöft war der Koschpa-Hof des rübezahlgroßen Max Denk, der in erster Ehe mit der Schwester meines Vaters verheiratet war. Sie ist leider nach ihrem ersten Kind, der Erna, beim Heumachen umgefallen und gestorben. Erna ist meine liebe Taufpatin. 

Ich spielte als Kind nicht wie Mädchen mit einer Puppe. Nein, ich hatte ein schönes kleines Holzpferderl. Nur zur Weihnachtszeit, da holte mich meine Patin so besonders feierlich rüber zu ihr und  oh Wunder! Da hat das Christkind mir eine wunderschöne Puppe gebracht, mit feinen Kleidern angezogen und einem Porzellankopf mit echten  Haaren. Die Augen konnte sie öffnen, wenn ich sie hochhob und wieder schließen, wenn ich sie hinlegte. Sie war schön wie Dornröschen. Leider währte mein Mädchenglück nicht lange, denn nach Weihnachten war sie eines Tages wie gekommen so gegangen.  Und nächstes Jahr zur Weihnachtszeit war es dann wieder so weit. Da bekam ich die schöne Puppe wieder geschenkt, natürlich vom Christkind. Das ging so weiter bis zur Vertreibung.   Ich kann mich er-innern, dass ich oft an den Feldern, die mit Kartoffeln und Getreide von meinen Eltern mit den Pfer-den bebaut waren, vorbei, bis zur Wie-se runter lief, mit ir-gend einem alten Topf, um in dem Bächlein dort bei den Erlenbäumen Fischchen zu fangen.  

Die bunte Blumenwiese mit den Schmetterlingen bezauberte mich so sehr, dass ich später einmal ein kleines Gedicht schrieb, nie eine schönere Wiese gesehen zu haben. Am Rande der Wiese, Richtung Marienbad, waren Wasserlöcher (Brunnenbohrungen), wo eine Art Spinnen mit langen Beinen auf der Wasseroberfläche Schlittschuh lief und nicht unterging. Wir Kinder wurden gewarnt, nicht zu nahe hinzugehen, wir könnten reinfallen, da die Bohrbrunnen  tief seien. Sicherheitsvorschriften schien es damals noch nicht gegeben zu haben. Und das war auch besser. So war es doch viel schöner und aufregender, ein bisschen spannendes Abenteuer zu erleben, das mit einer Sicherheitsabdeckung nicht mehr gegeben gewesen wäre. Ferner segelten bunte, schillernde Libellen durch die Luft. Das Wasser war klar, etwas rostig, und Mama Anna nahm von diesem Wasser eine Milchkanne voll nach Hause mit, wenn die Oma Klöße kochen wollte, weil diese mit dem “Seiling” (Säuerling) besonders locker wurden.  

Abends nahm mich Papa manchmal mit in den Obstgarten, wo Richtung Marienbad eine Bank stand. Wir schauten auf die vielen Lichter von Marienbad und wir schauten hoch zum Firmament, wo tausend Sterne leuchteten. Ich mag so 4, 5 und 6 Jahre alt gewesen sein.  Papa erzählte mir Märchen, echte und von ihm ersonnene, z. B. dass in der Höhle unter dem Erlenbaum, wo ich im Bächlein die Fischlein fangen wollte, kleine  Zwerge leben, die immer seine Brotzeit wegnahmen, wenn er dort in der Nähe arbeitete, pflügte oder mähte. Es war doch schön, im Land des Rübezahls geboren zu sein, der mit seinen Zwergen heute noch Sagen und Märchen spinnt! -  Oh, singt doch dieses Lied einmal!   Ich war der Liebling meines Vaters, da gab es keine Zweifel. 

Ich war auch keine Heulsuse wie meine Schwester. So durfte ich mit ihm ausreiten, was ich sehr schätzte. Er nahm mich an Sonntagen mit nach Marienbad ins Theater Odeon, wenn Hänsel und Gretel oder Frau Holle gespielt wurde. Papa war ein richtiger Theaterfan. Aber mehr für Operetten, denn er hatte eine wundervolle Tenorstimme und sang oft Zuhause am Feierabend Operettenlieder wie z. B. den Zarewitsch “Du hast da oben viel Engel bei dir...”,  oder “Willja, oh Willja…  “, “Schenkt man sich Rosen in Tirol” u. a., auch Rudolf Schock-Lieder, Wiener Lieder und Studentenlieder. Mama Anna war das Aschenbuttel in dem Hof. Das war damals so, weil Oma und Opa noch angaben und die reingeheiratete Schwiegertochter keine Rechte bekam. Mama mochte Gerlinde besonders, die ja schon “dütschte“ (ist schlimmer als Heulen), wenn man sie nur anschaute und Mama kam dann gleich gesprungen, ihr beizustehen. Hermann war noch sehr klein und eigentlich ein Fan von mir.

Wir Kinder mussten uns oft alleine beschäftigen, wenn die Eltern aufs Feld gingen. Einen Kindergarten hätte es in Auschowitz gegeben. Nur wer sollte uns da hinbringen, wenn wir doch so eine liebe Oma im Haus hatten, die uns mit Essen versorgte, und wenn sie nicht kochte, auf uns aufpasste, uns Kinderlieder vorsang und  auch Märchen erzählte? Es gab ein wunderschönes Märchenbuch mit eingeklebten Bildern, das sogar mitgenommen wurde, als wir von unserem Hof vertrieben wurden. Ich bin überzeugt, wir waren ohne Kindergarten doch sehr glückliche Kinder, denn wir hatten so viel Freiheit, Zeit zum Träumen und Fantasieren und konnten so viel entdecken in der Natur, die Umgebung, die es zu erforschen galt, die vielen Tiere, die wir beobachteten. Oft spielten wir mit den Marienkäferchen oder mit Maikäfern, die wir, wenn wir eines Exemplars habhaft wurden,  in einer alten Blechdose den Hühnern im   Hof brachten. Das war ein Hühnerfest oder Theater, denn jedes Huhn hätte den Käfer gern gefressen. Natürlich haben wir auch Regenwürmer gefangen - die Oma brauchte das aber nicht zu wissen -  und haben sie dann auch den Hühnern gefüttert. Dafür legten sie doch schöne große Eier und kamen auch ganz zahm zu uns Kindern her!

Im Hof war eine Holzhütte. Hier wohnte der Schäferhund, den Mama mit Futter versorgte. Wir durften nicht hin, wenn er fraß. Aber sonst war er ganz lieb zu uns Kindern. Ein Spaß war für uns, wenn die Schweine aus ihren Stall in den Hof kamen, wenn ausgemistet wurde. Da kamen wir schon auf die Idee, und ich habe da so meine dunkle Vermutung, dass ich, die Frieda, das war, die versuchte auf diesen Tieren das Reiten auszuprobieren. Die hielten leider nicht und ich musste feststellen, dass sie zum Reiten ungeeignet waren. Im großen Stall mit den kleinen Fenstern, im Kuhstall,  standen auch mehrere Kühe, die ab und zu Kälber hatten. Die Pferde standen auf der anderen Seite. Es gab viel Heu und Stroh, im Stall und in der Scheune, das einen so guten Duft ausströmte.   Das  Schönste in diesem Stall war meine Lieblingskuh Liesl. Wenn meine Mama abends beim Melken war, packte ich in der Küche mein “Dipferl” und ging die Sandsteinstufen im Anbau hinunter, um mir meine frische Milch von der Liesl, die gleich vorne stand, zu holen.
Ich trank die frische Milch warm, wie sie von der Liesl kam und vielleicht war ich deswegen so robust und gesund. Ich brachte es nicht fertig, so einfach die Liesl dastehen zu lassen und wieder zurück zu gehen. Ich musste immer mit ihr etwas schmusen. Ich strich ihr über den vorderen rechten Oberschenkel und sie mochte das und mich offensichtlich auch. Meine Liesl hatte so schöne große Kuhaugen und einen ganz feuchten Mund.   

Vor den Pferden hatten wir keine Angst, vielleicht Achtung. Wir näherten uns ihnen nur im Beisein meines Vaters, der uns dann rauf hob, oder zuschauen ließ, wie er sie striegelte. Die Koppel unserer Pferde war direkt hinter dem Dorfweiher, Richtung Marienbad.  Manchmal bekamen sie ganz schöne Geschirre an und wurden vor die schwarze Kutsche gespannt. Dann ging es nach Marienbad. Es wurden auch Verwandte in Auschowitz besucht, die Familie der Weiß Gretl oder die Schirmer-Tante (Mocken-Tante im Mocken-Hof). 

Dort traf ich auch meine Cousinen. Im wunderschönen Marienbad war ich oft bei meiner Tante “Ritsch” (Maria), wenn sie gerade keinen Dienst hatte.   Sie wohnte in einem mächtigen Bau mit Balkon und eckigen Säulen zum nächsten Balkon hoch. Diese Erinnerung half mir später nach der Grenzöffnung, als ich das erste mal wieder in meiner Heimat war, das Haus Theresianum auf dem Weg zur Waldquelle zu finden, wo einst meine Tante mich auf den Armen hielt und mich auf die Straße schauen ließ. Sie brachte mich auch hinüber zu dem Hotel, wo sie als Beschließerin (für Nachtisch zuständig) arbeitete, nachdem ihr Mann, Zugschaffner, an Weihnachten wegen Herzversagen verstarb. 

Im Haus Theresianum (der Name wurde nach der Vertreibung mindestens 2 mal geändert, wahrscheinlich, damit sich niemand daran erinnern kann, was es einmal war, welcher Glanz ihm innewohnte) wohnten auch katholische Nonnen. Diese haben meiner Tante kurz vor der Vertreibung das Leben gerettet. Das kam so: Meine Tante war eine herzensgute Frau. Als die gefangenen Juden von der SS vorbeigetrieben wurden, vor ihrem Balkon, wo sie in Miete wohnte, erkannte sie die Not dieser Armen und hörte, wie sie nach Wasser zu trinken verlangten, da wollte meine Tante ihnen Wasser hinunterbringen. Die Schwestern hielten sie zurück. Ob sie wisse, was mit ihr geschehe, wenn sie das tut. Ihr würde es genauso dreckig gemacht, wie den Juden. Vor der Aussiedlung kümmerten sich diese Schwestern darum, dass meine liebe Oma  nicht mit dem Waggon weggebracht wurde, wo sie alte Leute verluden und vergasten.

Meine Oma,  meine Tante und meine Familie durften bei der Aussiedlung zusammenbleiben, dank der Bemühungen dieser Klosterfrauen, die ganz schön mutig gewesen sein mussten. Die Winter in der Heimat prägten mich, da sie sehr kalt waren, aber auch viel Schnee brachten. Die Marienbader Gegend liegt wesentlich höher als hier Schweinfurt und zwar ca. 650 m über dem Meeresspiegel, Schweinfurt dagegen bei ca. 250 m. Besonders gut erinnere ich mich an die hohen Schneewehen, wenn ich nach Auschowitz mitgenommen wurde.
Dieser Weg hatte auch im Sommer für mich seinen besonderen Reiz mit ein bisschen ehrfürchtiger Angst, denn da wuchs ein Baum am Wegesrand neben einem Marterl, von dem es hieß, man habe früher einmal einen für schuldig befundenen Angeklagten, obwohl er immer seine Unschuld beteuerte, dort mit einem  Ast erschlagen. Nachdem dieser Ast grünte und zu einem Baum wuchs, konnte man nicht mehr an die Schuld glauben und wusste, einen Unschuldigen gerichtet zu haben.

Auf der rechten Straßenseite, wenn man Richtung Auscho-witz/Marienbad ging oder mit den Pferden fuhr, erhob sich das Gelände und oben führte die Eisenbahn Marienbad-Karlsbad vorbei. Dort oben hatten wir ein Waldstück, das bis zum Cafe Rotkäppchen/Marienbad reichte. Sonntag-Nachmittag zur Pilzwachstumszeit hat die Familie, d. h. die Kleinen waren bei Oma und Opa, nur ich war dabei, einen Ausflug gemacht: “geng ma in d’Schwomma”!
Ich habe die Pilze ganz leicht entdeckt, ich suchte ja aus einer tieferen Perspektive. Und ich wusste, wie ein Steinpilz, ein Birkenpilz und die gelben Schwammerl aussehen. Die Eltern freuten sich natürlich, dass sie so einen guten “Suchhund” dabei hatten. Sie meinten, ich fände die Pilze so schnell und leicht, weil ich so gut lügen könne. Lügen, das war wohl der falsche Ausdruck. Mama und Papa hätten sagen sollen, weil ich so gut flunkern konnte.  

Das habe ich ja schließlich von Papas und Omas Märchenerzählen gelernt. Oder war es der Rübezahl, der zwar weit weg war, aber der Wind blies vom Riesengebirge her und inspirierte mich, auch Geschichten zu erfinden?   Was ich als Kind noch schätzte war, wenn mein Papa knackige Äpfel von unseren Bäumen aus einem Zimmer im oberen Stock brachte, sie schälte und uns Kinder gab und erzählte, wie gesund es ist, jeden Tag einen Apfel zu essen. Unser Obstgarten war gleich hinter der Scheune und von da aus hatten wir den schönen Ausblick auf Marienbad hinunter.   

Lustig fand ich es, an der Schlafzimmertüre zu hören, denn Oma redete in der Küche mit sich selbst. Ich war einfach neugierig, was Erwachsene denken. Etwas besonders Interessantes erzählte sie jedoch nie. Höchstens, dass sie schon wieder ungeschickt war. Einmal, es war ein Nachmittag,  die Eltern waren auf dem Feld hinter unserem Hof.  Wo die Oma war, weiß ich nicht mehr.

Ich war bei Opa im Zimmer und spielte vielleicht mit meinem Holzpferdchen, einem Schimmelchen. Opa hatte sich ein bisschen zum Ausruhen hingelegt. Dann, irgendwann kam es mir sonderbar vor, denn Opa gab keine Kommentare mehr und schnarchte auch nicht. Er soll meinen Vater sehr streng mit viel Prügel erzogen haben. Das war aber früher so. Denn wenn ich etwas Schlimmes anstellte, musste ich zur Strafe auf einem Holzscheit eine Zeit knien, die mir als eine Ewigkeit erschien und Papa war unerbittlich, auch zu seiner Lieblingstochter. Ich kletterte zu Opa aufs Sofa und rief Opa und rüttelte ihn. Aber keine Reaktion. Das irritierte mich und ich rannte so schnell ich konnte, den Weg hinter dem Hof zu den Feldern hinaus, wo ich meine Eltern wusste.
Ganz außer Atem berichtete ich von Opa und meine Eltern kamen sofort mit nach Hause. Opa war gestorben, so einfach. Es wurde eine Kerze für ihn angezündet, die Fenster geöffnet, damit seine Seele in den Himmel zu Gott fliegen kann, wurde mir gesagt. Und es war irgendwie eine Aufregung im Haus aber auch eine Stille, bis zur Beerdigung, bei der ich nicht dabei war.   Es war eine schöne, glückliche Zeit für mich, die mit dem Zweiten Weltkrieg auch in diesem kleinen Nest endete. Man hörte  von der Vertreibung. Eines Tages stand eine junge Schlesierin, die Frau Merz, bei uns auf den Treppen mit einem kleinen Kind auf dem Arm.  
Sie war auf der Flucht und wollte über die Grenze, die von uns aus gar nicht mehr so weit war. Sie sagte u. a. dass auch wir unseren Hof verlassen müssen, soweit komme es nach diesem Krieg. Natürlich wurde sie von uns aufgenommen, konnte bei uns essen und schlafen und sie ging, weil sie fort wollte. Meine Eltern konnten nicht glauben, was sie sagte. Es konnte nicht sein. Seit Generationen wurde der Hof von  unseren Ahnen und uns bewirt-schaftet. Unser Hof war 1900 und 1902 abgebrannt und wieder aufgebaut. Einmal zündete ein Kindermädchen den Hof an.

Tante  “Ritsch” war ca. 1 Jahr alt und der Schock vom Feuer machte sie lange Zeit lahm, ihre Entwicklung blieb auch Jahre später noch zurück. Sie war erst mit ca. 20 Jahren angepasst. Dann war es Blitzeinschlag, der alles in Flammen aufgehen ließ, während die Eltern auf dem Feld arbeiteten. Bis sie nach Hause kamen um zu löschen, hatte das Feuer schon auf die Nachbarhöfe Nr.9, 10, 1 und 2, sowie das kleine gemeindeeigene Hirthaus übergegriffen, die damals alle noch Fachwerkbauten waren. 1944 wurden Nebengebäude und Scheune von Hof Nr.5 (Micherl-Hof) von einer Brandbombe getroffen und vernichtet, das Hauptgebäude konnte gerettet werden. Bei Kriegsende waren an Fachwerkbauten nur noch Nr. 3 (Glockerer-Häuschen), das Hauptgebäude von Nr., 5 und Nr. 7 (Koarl-Hof) vorhanden. Sie wurden in den Jahrzehnten nach der Vertreibung abgerissen. Nach den Bränden wurde wieder aufgebaut, gespart und trockenes Brot gegessen.

Es war unsere Welt mit den Tieren, den Feldern und allem Drum und Dran. Man hatte mit sich zu tun, da interessierte nicht, was in Deutschland weit weg geschah. Meine Eltern brachten mich irgendwann nach Auschowitz zur Schule weil sie ein Schreiben bekamen. Es war neu, dass jetzt die tschechische Sprache in der Schule verlangt wurde, die ich überhaupt nicht kannte. Meine Eltern etwas. Meine Eltern waren danach sehr aufgeregt und diskutierten heftig - aber nicht für unsere Kinderohren. In die Schule ging ich aber in der Heimat nicht mehr, weil die Vertreibung von unserem Hof und die Aussiedlung nach Bayern dazwischen kam. Einmal nahm mein Vater mich, seine “Große” mit, mit den Pferden und dem Wagen, um Futter für die Tiere zu holen.

 Wir fuhren ein Stück. Dann sah ich Flugzeuge am Himmel - und komisch - die verloren so etwas wie große Zigarren, die dann alle in einer Reihe nach unten fielen. Ich wusste nicht, was das war und sagt laut zu Papa: Papa schau, was macht der Flieger? Kaum gesprochen, hielt mein Vater die Pferde ruckartig an, sprang vom Wagen, riss mich auch runter und warf mich in den Graben nebenan und  sich über mich. So etwas hatte er doch noch nie gemacht und er rief: Bomben, Bomben! Die Brennnessel, in die er mich warf, brannten auch wie ein Feuer auf der Haut, ich war irgendwie beleidigt mit ihm, mich sooo zu behandeln, weil ich den Ernst der Situation noch nicht verstehen konnte! Was weiß ein Kind vom Krieg, das in so einer kleinen, heilen Welt bisher lebte und den Brennnesseln aus dem Weg ging!

Dann war es wohl so weit, 1945, als die Amis noch vor der Kapitulation mit Panzern vorfuhren. Zwei Soldaten kamen auf mich zu, als ich vor dem Hof stand und neugierig schaute. Ich hatte zwei Nüsse in der Hand, das haben die wohl gesehen. Sie gaben mir durch Zeichen zu verstehen, dass sie diese haben wollen. Widerwillig gab ich eine Nuss den fremden Männern. Danach drehte ich mich um, ging in den Hof und machte meine verbliebene Nuss auf. Sie war hohl! Da habe ich mich geärgert, weil ich die falsche Nuss hergegeben hatte.

Nach den Amis kamen die Russen, oh je! Alle waren aufgeregt. Papa versteckte uns Kinder mit Mama und gab uns Anweisung, uns nicht zu rühren. Derweil holte er eine Flasche Schnaps und ging zu den russischen Soldaten in die Küche. Er musste immer wieder Schnaps nachholen. Zum Glück hatte er einen Vorrat. Ein Gebrüll und Gesinge war zu hören - die Hölle. Papa erzählte , als er uns am nächsten Tag irgendwann aus dem Versteck (ein Zimmerchen) herausholte, dass die Russen mit ihren Stiefeln betrunken auf dem großen Küchentisch tanzten, obwohl um den Herd genug Platz gewesen ist.  Am nächsten Morgen zogen sie ab mit einem Toten, den sie im Kuhstall fanden, offensichtlich Alkoholvergiftung. Wir hörten, dass sie auch anderswo getobt haben. Eine schwangere Frau haben sie kopfüber an ihrem Haus aufgehängt. Zum Glück musste ich so etwas nicht sehen.  

Unsere Schicksalslage wurde immer ernster. Der neue tschechische Präsident hieß Benesch und war ein Deutschenhasser Das bekam ich als Kind mit.   Im Juli 1945 erließ der Deutschenhasser das unsere Heimat vernichtende wahnsinnige Dekret, dass alle Sudetendeutschen zu vertreiben und ihres Vermögens zu berauben sind., “Lasst ihnen nur ein Taschentuch, mit dem sie ihre Tränen trocknen können”. Jeder Deutsche hatte am linken Arm eine gelbe Armbinde zu tragen. Es gab Lebensmittelrationen.  

Nach den Russen kamen die Tschechen und besetzten die Höfe. Unsere Besetzer hießen Barek. Es gab Vorschriften, dass wir von unseren bäuerlichen Produkten nur eine kleine Menge bekommen durften. Bareks waren jedoch großzügig, wir konnten uns nehmen so viel wir brauchten. Wir wurden auch nicht schikaniert. Jedoch lebten wir irgendwie eingeschränkt, bedrückt, verängstigt. Dann kam der Tag, an dem die schriftliche Ausweisung kam mit Angabe, was wir von unserem Hab und Gut einpacken dürfen zum Mitnehmen und dass dies überprüft wird. Es waren 30 kg pro Person. Was kann man da mitnehmen,  von all dem, was einem Wichtig war? Dann standen einige Uniformierte forsch bei uns im Wohnzimmer und ließen alles wieder auspacken, um zu sehen, ob wir uns an die Vorschriften gehalten haben: keine Wertsachen etc. Da sah ich meine Mama das erste mal weinen. Es war bitter für mich so machtlos zu sein.

Dem  Papa wurde seine Ziehharmonika weggenommen. Sie versuchten der Steirischen Töne zu entlocken, und es kamen nur Misstöne. Dann gaben sie Papa dieses komische Musikinstrument zurück und er durfte es wieder einpacken. Eigentlich hatten sie nichts Verbotenes gefunden. Dabei hatte Mama irgendwo in einem Saum doch etwas Schmuck versteckt gehabt. Erinnerungen an die Heimat, an Besitz und Freiheit. Schlimm war für mich der Marsch zum Sammellager für den Abtransport, das Aussiedlungslager Flaschenhütte. Das waren die ehemaligen Wehrmachtsbaracken am Marienbader Flugplatz  So genau an alle Details kann ich mich nicht mehr erinnern.   Habe ich dies verdrängt, denn ich war nicht zu dumm, um mir Dinge zu merken? Kinder können Unangenehmes, Böses verdrängen - Erwachsene nicht.

Was haben unsere Tiere gemacht, der Hund, als wir weggingen? Tiere spüren doch Katastrophen! Mama fuhr im Kinderwagen Klein-Hermann. Wo war Gerlinde? Ich weiß nur noch, dass ich marschieren musste, marschieren, marschieren, dass die Straße oder der Weg staubig war, dass mich eine Hand führte, dass es mir heiß war,  dass ich Durst bekam und der Weg so weit war und nicht enden wollte,  für mich als Kind mit 6 Jahren. Wer hat mich an der Hand geführt? Mich, mit 6 Jahren, ein kleiner Wildfang, der tagaus, tagein in Freiheit durch unseren Hof  lief, durch den Obstgarten, den Weg entlang, an den Feldern vorbei zu den Wiesen. Ich, die nach Auschowitz in Sonne und an Wintertagen durch die Schneewehen die Straße entlang ging, die im herrlichen Tannenwald nach Pilzen suchte, und…. und….und. Ich, die ich nur Freiheit, Friede, Glück kannte, jetzt geführt, wie ein Hund an einer Leine. Warum? 

Ich weiß nicht mehr, ob Mama und Papa geweint haben, ich weiß nicht mehr, wer uns begleitete bis ins Lager. Das Lager war  mit einem Drahtzaun und Stacheldraht umgeben, Toiletten waren verdreckte Gemeinschaftsanlagen, vor denen man sich hatte ekeln müssen.  Und wir hatten Hunger.  Die tschechischen Polizisten machten mit uns Deutschen was sie wollten, nahmen diesem oder jenen noch weg, was sie gebrauchen konnten und wir hatten Angst, Angst ein schreckliches neues Gefühl für uns, die wir niemandem je etwas getan haben!   Vielleicht war es am nächsten Tag oder zwei Tage später. Dann mussten wir  in den Viehwaggon einsteigen, wo so viele Menschen eingepfercht wurden. Ich lag auf dem Gepäck und versuchte nach draußen zu spähen, nach draußen, wo die Freiheit einmal war und es jetzt vor Soldaten wimmelte, natürlich mit geschulterten Gewehren. Irgendwann fuhr der Zug los. Irgendwann  musste jemand auf die Toilette, die aus einem Blecheimer bestand, wo fast jeder hinschauen konnte. Irgendwann hielt der Zug und wir mussten aussteigen. Wir  mussten uns in eine Reihe stellen und es kamen Fremde mit so komischem Gerät und steckten dies oben in die Kleidung und dann gab es eine übelriechende Staubwolke vor meiner Nase.
Das war eine Entlausung oder auch Entflohung. Ich hatte nie Läuse oder Flöhe, als ich noch auf unserem Hof war und zu den Wiesen rannte, oder im Garten am Bächlein spielte, oder Omas Märchen oder Lieder hörte. Pfui, diese Behandlung! Dann hieß es: wieder einsteigen und der Viehwaggon wurde wieder verriegelt oder auch versiegelt, dass niemand entfliehen konnte. Das wäre aber ins Messer laufen gewesen! Wer hätte das tun wollen?   Dann ging es weiter - keiner wusste wohin. Es wurde gehalten und  Waggons abgehängt. Wir waren jetzt in Deutschland, im Reich, aber wo? Ich kannte nur meine Heimat, das traumhafte wunderschöne Marienbad, meine märchenschöne Stadt mit hunderten von Türmchen, mit tausend Ornamenten, dann Plan, Tepl, Eger und einige kleine Orte dazwischen. Dann kamen wir in einen Bunker, es war der Bunker in Schweinfurt/Oberndorf. Auch hier war es sehr eng und es gab eine Warnung vor Wanzen. Wanzen, jetzt, wo wir doch entfloht und entlaust waren! - Dann wurde meine Familie auf den Deutschhof gebracht.

Dort arbeiteten meine Eltern auf fremder Erde wie zu Hause. Was mag in meinen Eltern vorgegangen sein? Wann haben sie heimlich geweint? Wir Kinder waren viel uns überlassen. Da ich die Älteste war, entwickelte ich irgendwie Beschützergefühle. Ich spielte mit meinen Geschwistern unterm Hollerbaum vor dem Gebäude, wo wir Wohnung hatten. Ich ging mit ihnen in den anschließenden Wald spazieren. Als sich einmal eine Schlange am Weg zeigte, blieb ich stehen und ließ meine Geschwister entgegengesetzt weglaufen. Ein anderes mal begegnete uns sogar eine Wildschweinbache mit Frischlingen. Ich gebot instinktiv still zu stehen und sie drehte ab, zum Glück! Vielleicht haben wir irgendwann Hausarrest bekommen, weil meine Ausflüge zu gefährlich waren. Da stellten wir ja dann auch allerhand an, denn Kinder müssen sich austoben.

Die Gutsherrin, ich weiß nicht mehr, wie sie hieß. Sie war ein Omatyp aber viel jünger. Sie brachte uns Kinder ab und zu etwas Gutes zu Essen, neben der Essensration. Nie werde ich vergessen, wie gut ein gebratener Hasenschlegel auf einem Stück frischen Brot schmecken kann! So vergingen die Tage und die Eltern kündigten den Dienst, weil meine Schwester, jetzt 6 und ich 7 Jahre, unbedingt in die Schule gehen mussten und der Weg vom Deutschhof zur Schillerschule wurde für uns als zu weit gewertet.   So sind wir dann in einem Wagen, wie ihn die Bauern zum Transportieren verwenden, mit Sack und Pack nach Theilheim bei Schweinfurt gezogen, wo uns von der Gemeinde ein Gesindehäuschen zur Verfügung gestellt wurde. Die Familie Lenz, auch aus Stanowitz, zog  mit  uns. Aber in  dem Gesindehäuschen mit fünf  Räumen, ohne Wasser, jedoch mit Strom, wohnte schon eine Familie Bugler.

Es gab nur eine Küche mit Herd zum Schüren und Kochen, wie es seinerzeit üblich war und die Familien mussten sich den Herd teilen.   Die Eltern bekamen einen Raum im Obergeschoß mit schrägen Wänden bis fast zum Boden und Tante und Oma, die zu unserer Familieneinheit zählten, bekamen den anderen Raum oben rechts. Unten links war die Familie Lenz mit zwei fast erwachsenen Kindern. Die Familie Bugler hatte die Küche und den kleinen Raum rechts unten. Ich sah die Not meiner Eltern, die Enge bei Oma und Tante, das Rücksichtnehmen bei Buglers und die Einschränkungen bei Lenz. Da die Lenz-Kinder, Gerda und Otto, schon den Bauern im Dorf eine Hilfe sein konnten, waren diese auch als Erste dieser Enge entflohen. Dann irgendwann deren Eltern. Papa bekam keine Arbeit bei den Bauern und arbeitete im Steinbruch bei Schwanfeld, später beim Bau der Staustufen Garstadt und Wipfeld durch die Firma Nöll.

Dann zogen die Buglers weg. So hatte nun meine Familie das Häuschen für sich. Wir, meine Schwester und ich gingen zur Schule. Fräulein Bergmann war unsere Lehrerin in der “kleinen” Schule, wo die ersten 4 Jahrgangsstufen in einem Raum unterrichtet wurden. Ach, ich habe vergessen, von unserer Begrüßung in Theilheim  zu berichten. Auf dem Seitenweg, wo wir zu unserem Hexenhäuschen gelangten, kam dahinter ein Garten, dann die hintere Seite des Bauernhofes Bätz. Maria Bätz war in meinem Alter.   In den ersten Tagen, als wir zum Spielen raus gingen, flogen Steine und Dreckbrocken auf uns und irgendwo hinter der Mauer, die an unserem Häuschen angebaut war und durch eine Tordurchfahrt zum Weg offen war, stand die kleine Missetäterin Maria. Was mag Maria bewogen haben, uns Gleichaltrige so zu bewerfen?

Normal sieht eine Begrüßung anders aus. Haben deren Eltern vielleicht gegen uns Neuankömmlinge wie von Zigeunern gesprochen, die man fortjagen sollte oder bewerfen könne? Ich glaube nicht, dass ein Kind von selbst auf so eine dumme Idee kommt. Nun, es vergingen die Tage. Maria warf nicht mehr, wir trafen uns und fingen an, uns zu verständigen, sie auf Fränkisch, ich Egerländerisch, damals noch. Manchmal gab es Worte, die die andere nicht verstand. Ich z. B. wusste nicht, was “häisd und däisd” ist. Sie verstand mich auch nicht immer. Es kam der Tag, wo sie mich zum “Reisiknicken” mitnahm. Aus Spaß an der Freud habe ich ihr an ihrer Ziege demonstriert, dass ich, wie einst meine Mutter, melken kann. Ich war dann oft auf dem Bauernhof bei Maria, die mich nach unserer Ankunft mit Steinen und Dreck beworfen hatte und half ihr bei ihrer Arbeit, die sie verrichten musste. Dadurch lernte ich auch die Mieter von Marias Hof kennen, die auch Vertriebene und sehr nett zu mir waren.  Und ich war nicht mehr verhasst, weil ich keine Fremde mehr war.  

So verlief für mich meine Kindheit in der geliebten Heimat und das langsame Zurechtfinden in der Fremde, die die Heimat ersetzen sollte. Es mag sein, dass in der Realität einige Dinge etwas anders waren, jedoch ich habe sie als Kind so wahrgenommen. Ich habe jetzt auch noch nichts von der wirtschaftlichen Situation jener Zeit nach der Vertreibung geschrieben, von der Geldentwertung, von den Schulerlebnissen, weil dieser Bericht meine Erinnerungen ans Egerland beschreiben sollte, wozu ich die Vertreibung und die erste Zeit nach der sogen. “Aussiedlung” gerechnet habe.   Beim Schreiben stellte ich fest, dass in meiner Kindheit viel gesungen und Märchen erzählt wurden, dass ich aber von Gott noch nicht viel wusste und ich dies erst in der Volksschule im Kommunionunterricht erfuhr. Man muss auch bedenken, dass es zu jener Zeit keine Kommunikationsmittel der heutigen Zeit gab und Pferde statt Pferdestärken in Autos.

Es war eine gemächlichere, ja menschlichere Zeit als heute mit unserem Leistungsdruck und Prestigedenken. Natürlich dieser unselige Krieg ausgenommen, von dem wir in unserem   Nest Stanowitz wenig mitbekamen.  Irgendwie sind damals in mir die Grundsteine meines späteren - jetzigen - Naturells gelegt worden., so dass ich die Attribute meines Stammes trage:  Es gibt kein Zeugnis, das mir nicht Fleiß bescheinigt und mein Streben war immer, wieder Besitz durch ehrliche Arbeit zu erwerben und da ist meine Nächstenliebe, meine Liebe zur Musik und zum Theater und meine Liebe zur Natur und zu Gott.

Irgendwie bin ich ein Egerländer Mädel geblieben, wenn ich auch verlernt habe, diese schöne, warme Sprache zu sprechen, die der Klang meiner Heimat ist. Ich möchte meinen Erinnerungsbericht an meine Kindheit im Egerland schließen mit dem kurzen Gedicht von W. Wirges:      

Die Egerländer  

Sein Bauerntum war Urgestein, es war die Zelle und der Keim - aus ihm wurzelt ein starker Stamm: volkstumsbewusst und heimattreu.  

Die Spur zurück ins Kinderland lässt unser Ich uns finden - trotz allem, was dazwischen liegt, sind wir der Ahnen Kinder.  

Noch nicht erwachsen waren wir, als man uns nahm der Väter Land - arm waren wir und namenlos, gerissen aus der Heimat Schoß.  

Was Schule und Elternhaus uns auf den Weg gegeben, trugen wir unterm Fluchtgewand - wegweisend war’s fürs Leben.  

Heut, wo sich lichten unsere Reih’n, fühl’n wir verstärkt der Ahnen Band: Leid tragen wir und tiefes Weh - aus unseren Egerländer Stamm.                                                                                               W. Wirges

                                                                                              
Schweinfurt, 20.10.2007                                           Elfriede Willert 

 
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